Was bringt ein Kinesio-Tape wirklich?

03.04.2014 12:13 von Teamsportbedarf.de

Von David Beckham bis Mario Balotelli, von Fußball bis zum Beach-Volleyball – das Kinesio-Tape ist aus dem Profisport kaum noch wegzudenken. Und selbst Amateursportler und Physiotherapeuten haben die bunten Klebebänder längst für sich und ihre Patienten entdeckt. Doch was steckt hinter dem Kinesio-Tape? Welche Wirkung lässt sich durch das Tape erzielen und gibt es überhaupt wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit der farbigen Tapes?

 

Aus China in die europäische Schulmedizin

 

Vorgänger der elastischen Tapes sind die unelastischen Verbände, deren Geschichte circa 2000 Jahre zurückreicht. Unelastische Tapes werden innerhalb der Sportmedizin insbesondere zum Ruhigstellen verwendet. Das Prinzip der Immobilisation wurde von Medizinern bereits zur Zeit von Christus genutzt. Dort tränkten die Heiler die Stoffverbände in Harz, die dadurch verhärteten und somit die Körperpartie ruhigstellten. Den ersten funktionellen Verband in unserer Zeit entwickelte ein Chirurg namens Gibney. Der Gibney-Verband hat bis heute trotz einiger Modifikationen nichts an seiner Bedeutung verloren.

 

Kenzo Kase, ein japanischer Chiropraktiker und Kinesiologe war es, der die Kinesio-Tapes entwickelte. Auf Grundlage seiner Erfahrung als praktizierender Chriroprkatiker entwickelte er die ersten elastischen Tapes. Hierbei bemühte er sich, das Hautbild des Menschen funktionell nachzustellen und durch die Adaption einen oprtimierten Stoffwechsel zu erzielen, der letztendlich die Heilung des Schmerzbereichs fördere. Seine methodische Praxis beruhte auf Basis der angewandten Kinesiologie. Aus diesem Grunde ist heutzutage von den Kinesio-Tapes die Rede.

 

Zur internationalen Bekanntheit schaffte es das Kinesio-Tape allerdings erst zu Anfang der 2000er. Es waren die olympischen Spiele in Sydney, die Tour de France 2001 und die Fußballweltmeisterschaft 2002, in denen die Kinesio-Tapes zum ersten Mal einem breiteren Publikum aufgefallen sind.

 

Die zahlreichen Erfolge, die das Kinesio-Tape laut Erfahrungsberichten auf dem gesamten Globus einfahren konnte, begünstigten die Akzeptanz der Klebebänder trotz fernöstlicher medizinischer Grundsätze auch bei europäischen und amerikanischen Medizinern und Patienten. Mittlerweile darf das moderne Kinesio-Taping als vereinheitlichte Methodik fernöstlicher Heilpraktiken und europäischer Schulmedizin betrachtet werden.

 

Die Wirkungstheorie des Kinesio-Tapes

 

Das Kinesio-Tape bedient sich in seiner funktionellen Struktur am Abbild der menschlichen Haut. So zeichnet sich das Tape durch seine Atmungsaktivität, Elastizität und Beweglichkeit aus. Das Kinesio-Tape soll die oberste Hautschicht anheben und somit den Blutfluss zur schmerzenden Region optimieren und anregen. Dies verbessere die Reaktionsfähigkeit von Nerven und Gefäßen, die Sauerstoffversorgung und begünstige den Abtransport von Schlackenstoffen. Somit sei es möglich, das menschliche Gewebe auch ohne den Einsatz von Medikamenten zu revitalisieren und Schmerzen zu lindern.

 

Die Anwendungsgebiete des Kinesio-Tapes sind äußerst vielfältig. Insgesamt werden vier Anlagetechniken unterschieden:

 

 

Muskeltechnik:

 

Hierbei geht es vor allem um die Regulation des Muskeltonus, die etwaigen Schmerzen im Bereich des Muskels zu lindern und letztendlich eine Regenration zu optimieren und zu initiieren.
Es werden tonisierende und detonisierende Anlagen bei dieser Technik unterschieden.
Bei der ersten Variante, der tonisierenden Methode, wird das Kinesio-Tape vom Ursprung hin zum Ansatz des Muskels aufgetragen.
Letztere Methodik, die detonisierende Variante, wird vom Ansatz zum Ursprung geklebt.
Hierbei können häufig Fehler unterlaufen, wenn die Mobilität des Körpers bei der Anwendung außer Acht gelassen wird. So kann der "punktum fixum" leicht zum "punktum mobile" werden.

 

Ligamentanlage:

 

Diese Methodik wird bei Band-, Sehnen- und Kapselverletzungen genutzt. Auch im Bereich der Wirbelsäule wird diese Tape-Anlage verwendet. Ziel ist die Unterstützung der natürlichen Heilung des Körpers.
Vor allem die Tiefensensibilität, die Propriozeption, soll optimiert werden. Des Weiteren dient die Technik der Hemmung von Schmerzimpulsen.

 

Lymphanlage:

 

Mit dieser Anlagetechnik soll die Zirkulation der Lymphflüssigkeit angeregt werden. Ursachen für eine gestörte Mikrozirkulation können unterschiedlich ausfallen. So kann der Filtrationsdruck im Gefäßsystem verändert sein, woraus die Lymphflüssigkeit Druck auf das Gewebe ausübt. Das Kinesio-Tape soll in diesem Fall die oberste Hautschicht anheben und den Raum zwischen subkutanen Gewebe und der Haut vergrößern und den Druck verringern. Der Lymphflüssigkeitstransport kann auf diese Weise unterbunden werden.

 

Korrekturanlagen:

 

Diese Methodik gliedert sich in zwei unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten auf: der funktionellen Korrektur sowie der Fascienkorrektur. Letztere wird angewandt, um verklebte Muskelfascien zu lösen und Schmerzen somit zu lindern.
Erstere Variante der Korrekturanlage dient dem Zweck, physische Fehlstellungen zu korrigieren.
Im Regelfall wird die Korrekturanlage bei maximaler Spannung des Kinesio-Tapes aufgetragen

 

Wissenschaftliche Evidenz fehlt

 

Belege, welche die Wirksamkeit der Kinesio-Tapes unterstützen könnten, fehlen aktuell. Auch dies ist ein Grund, weswegen Kinesio-Tapes in der Schulmedizin nicht unumstritten sind, obgleich etliche Erfahrungsberichte die positive und gesundheitsfördernde Wirksamkeit der Klebebänder protokollieren.

 

Die derzeit einzig relevante Studie wurde von der Auckland University of Technology erstellt. Ein Forscher-Team um den Wissenschaftler Sean Williams untersuchte in 97 Studien die Wirkung von Kinesio-Tapes auf die Muskelaktivität. Zwar gab es in den Studien Hinweise, dass die Tapes Muskelkraft und Beweglichkeit von Gelenken beeinflussen – ob negativ oder positiv, stellte sich jedoch nicht heraus. Ein Nachweis, dass Kinesio-Tapes Schmerzen reduzieren, konnte bis dato nicht erbracht werden.

 

Viele Mediziner sind der Meinung, es handle sich beim Wirkungsgrad der Tapes lediglich um einen Suggestiv-Effekt. Diesem "Schein" ist auch die Farbenlehre zuzuordnen, der sich das Taping ebenfalls hingibt. Dies hat nicht nur einen ästhetischen Hintergrund, sondern soll sich auch indirekt auf die Psyche des Menschen auswirken und einen erheblichen Einfluss auf die Regenerationsfähigkeit des Körpers haben. Kinesio-Tape gibt es offiziell in den Farben Rot, Orange, Gelb, Beige, Blau, Violett, Grün, Weiß und Schwarz. Mittlerweile sind jedoch bis zu 14 verschiedene Farbvarianten erhältlich. Jede Farbe sei mit unterschiedlichen Wirkeigenschaften ausgestattet. Je nach Anwendungsgebiet können die Farben den Heilungsprozess fördern. Rein physisch betrachtet, gibt es jedoch keine Unterschiede zwischen den Tapes.

 

Wann muss auf Kinesio-Taping verzichtet werden?

 

Trotz der flexiblen Einsatzmöglichkeiten der Kinesio-Tapes gibt es körperliche Beschwerden und Verletzungen, bei denen sich die Anwendung der Tapes nicht eignet. Zu den hinweisenden Kontraindikationen zählen neben der Venenthrombose und den Krampfadern auch Geschwulste oder Fiebererkrankungen, deren Ursache nicht abgeklärt ist.

 

Wie es auch bei allen anderen therapeutischen Maßnahmen der Fall ist, sollte das Kinesio-Taping nur nach einer ärztlichen Vordiagnose verwendet werden.

 

Eine gesunde Haut ist ebenfalls notwendig, damit die Kinesio-Tapes optimal wirken und halten. Tapes sind ausschließlich auf einem gesunden Hautbild anzuwenden. Nässende sowie offene und entzündete Wunden schließen eine Behandlung mit Kinesio-Tapes aus. Bei leichten Blessuren wie Kratzern und Schnitten müssen keine Komplikationen beim Taping in Erscheinung treten. Das individuelle Empfinden gilt als wichtigster Indikator, ob eine Tape-Behandlung geeignet ist. Denn trotz der Elastizität der Tapes, stellen diese eine Zugbelastung für das Hautbild dar.


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