Wen bezeichnet man im Fußball als Stehgeiger?

Fußball gilt als rasantes, laufbetontes und kämpferisches Spiel. Die Kicker müssen athletische Voraussetzungen mitbringen und körperlich wie geistig ein professionelles Niveau erreichen. Von diesen Anforderungen weicht der Stehgeiger jedoch ab – dennoch handelt es sich bei ihm um eine mittlerweile selten zu bewundernde Spezies an Spielern, für die im modernen Sport nur noch wenig Platz ist.

Was ist ein Stehgeiger?
Das Spiel an sich gestaltet sich heute anders, als das noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Wird gegenwärtig die gesamte Mannschaft in das Angriffs- und Abwehrverhalten einbezogen, so gab es in den 60er, 70er und 80er Jahren zumeist den Regisseur im Mittelfeld. Bei ihm handelte es sich nicht selten um den Star des Teams – ein genialer Passgeber, der seine Kollegen in Szene zu setzen wusste oder der auch selbst gerne die entscheidenden Treffer erzielte. Wurde er ausgewechselt, gab es oftmals stehenden Applaus. Spieler wie Maradona, Zidane oder Overath waren das, was man unter der klassischen Nummer 10 versteht: ein Spieler, der zum Matchwinner wurde. Ein Anführer, der sämtliche Fäden der Mannschaft in den eigenen Händen hielt. Jedoch auch ein Held, der aufgrund seiner großen Wichtigkeit nur selten laufen und arbeiten musste. Er verkam also zum stehenden Künstler, zum Standvirtuosen.

Nicht nur in der Bundesliga bekannt
Es gab Zeiten, da wies jedes Team einen Stehgeiger auf. Oder vielleicht sollte man sagen: Mindestens einen von ihnen. Denn dieser Spielertypus war sehr begehrt. So gab es in den meisten Teams zwei echte Charaktere. Einerseits den Torwart, der sich nicht selten mit dem gesamten Körper in die heranpeitschenden Wellen der Angreifer schmiss und damit die Gegentreffer verhinderte. Menschliche Maschinen, die ungeachtet körperlicher Spätfolgen manchen Knochenbruch und manches Schädeltrauma riskierten. Andererseits gab es den Regisseur. Ein kunstvoller, jedoch in sich gekehrter Kicker, der erst auf der großen Bühne des Fußballs aus sich heraustreten und die Massen begeistern konnte. Eine Person, die die Zuschauer beglückte und die den gegnerischen Fans mit einem einzigen Pass wochenlange Albträume bescherte. Jedes große Team und jede Nationalelf besaß solche feingeistigen Kicker.

Auch eine Frage des Alters
In der Bundesliga und den internationalen Verbänden nahm der Begriff des Stehgeigers alsbald aber auch eine zweite Bedeutung an. Gemeint waren nicht mehr alleine die Hauptdarsteller. Sondern gleichfalls solche Spieler, die einst Großes vollbracht hatten, die nun aber ihre letzten Tage auf dem saftigen Grün des Stadions erlebten. Vormalige Helden also, die eingedenk ihres Alters und ihrer Strahlkraft nicht mehr gezwungen waren, die Laufarbeit zu verrichten – dafür hatte man schließlich die vielen Wasserträger, die Bälle eroberten und Passwege frei hielten. Der klassische Regisseur besaß damit genügend Spielraum, um auch jenseits des eigenen Zenits noch manches Kunststück mit dem Fußball zu vollführen. In einigen Fällen gelang das aber nicht – das ehemalige Vorbild ganzer Generationen verkam zum Gespött der Leute. Erst durch das Getuschel und Geflüster auf den Tribünen wurden manchem Star gewiss, dass seine Zeit im Profisport abgelaufen war und dass die Gelegenheit günstig sei, sich nunmehr anderen Aufgaben zu widmen.

Nicht immer lobend gemeint
Heutzutage ist der Begriff des Stehgeigers mit den ehrenwerten Attributen der vergangenen Jahrzehnte nicht mehr gleichzusetzen. Wer heute so bezeichnet wird, dem soll etwas diplomatisch und durchaus ironisch vorgehalten werden, er laufe zu wenig – oder gebe sich allgemein nicht genug Mühe, um die Mitspieler zu unterstützen. In dem immer schneller werdenden Spiel, das gerade im Profibereich ausschließlich von Vollzeitkickern betrieben wird, ist für die eher lustlosen Akteure kein Platz mehr. Wer nicht in der Lage ist, körperlich und geistig das höchste Niveau zu erreichen und sich jederzeit in den Dienst der übrigen Spieler zu stellen, verliert seinen Stellenwert und seine Bedeutung für das Team. Die Spezies der Stehgeiger stirbt also aus – und doch sind es gerade jene Kicker, die wir stets bewundert haben und deren Identität wir als Kinder und Jugendliche auf dem Platz nur allzu gerne annehmen wollten. Helden, die den Ausgang einer Partie in die eigenen Hände nahmen und die über Siege oder Niederlagen entschieden.

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