Was bedeutet Gegenpressing beim Fußball?

In den letzten Jahren mischte Borussia Dortmund die Bundesliga auf, wurde Deutscher Meister und Pokalsieger, erreichte sogar das Finale der Champions League, das die Schwarz-Gelben dann aber letztlich gegen Bayern München verloren. Das Geheimrezept, das der Dortmunder Trainer Jürgen Klopp lange exklusiv zu haben schien, hieß Gegenpressing. Neben dem überfallartigen Konterspiel perfektionierte der BVB vor allem die unmittelbare Ballrückeroberung nach Ballverlusten. Diese Form von Pressing bezeichnete Klopp regelmäßig als bestmöglichen Spielmacher.

Die Idee hinter dieser Taktik ist recht einfach, wenngleich auch unheimlich schwer auf dem Platz umzusetzen. Verliert die Mannschaft im Spiel nach vorn den Ball, zieht sie sich nicht zurück, um den Gegner in der eigenen Hälfte wieder zu empfangen, Angriffe zu verteidigen und ihm so Platz zum Kontern zu nehmen. Stattdessen attackieren die Spieler, die den Ballbesitz soeben abgegeben haben, sofort und ohne zurückzuweichen mit dem Ziel, das Streitobjekt unmittelbar zurück zu gewinnen. Der positive Nebeneffekt ist, dass das andere Team nach Ballgewinnen versucht, das Spielfeld "breit" zu machen, die Spieler sich also voneinander weg bewegen, um Räume zu schaffen, in die das Leder gespielt werden kann. Im Optimalfall will der soeben in Ballbesitz gekommene Gegner mit schnellem Umschalten von Defensive auf Offensive die Unordnung in der soeben noch im Angriff befindlichen Mannschaft nutzen, um selbst ein Tor zu erzielen. Verliert der Gegner den Ball in dieser Situation unmittelbar wieder, steht er selbst unsortiert und wird Opfer des sofortigen Pressings.

Barcelona war die erste Mannschaft, die auf internationalem Spitzenniveau darauf verzichtete, nach Ballverlusten zurückzuweichen. Das Ballbesitzspiel der Katalanen war geprägt von Tiki-Taka - Kurzpassfußball, in dem der Kontrahent scheinbar keine Möglichkeit besaß, an die Kugel zu kommen. Passierte dies allerdings doch einmal, gab Barcelona dem Kontrahenten keine Chance, den Ball zu kontrollieren und in Sicherheit durch die eigenen Reihen laufen zu lassen, sondern attackierte sofort wieder und eroberte die Bälle in aller Regel unmittelbar zurück, so dass teils absurde Ballbesitzstatistiken entstanden.

Während der spanische Topklub nach schnellen Ballrückgewinnen selbst erst einmal wieder das Kombinationsspiel suchte und den Ball für eine gefühlte Ewigkeit durch die eigenen Reihen laufen ließ, entwickelte Borussia Dortmund die Strategie, den unsortierten Gegner nach erfolgreichen Gegenpressingaktionen sofort unter massiven Druck zu setzen. So gelangen unzählige Torerfolge direkt nach schnellen Ballrückgewinnen, wenige Pässe brachten die Westfalen in Abschlusssituationen. Aus Angst vor der Dortmunder Kontermaschine zogen sich viele Mannschaften bis an den eigenen Strafraum zurück und wollten verhindern, dass Dortmund hinter die letzte Verteidigungslinie kommt. Diese tiefe Verteidigung mündete in tiefen Ballgewinnen weit in der eigenen Hälfte, so dass Dortmund nach erfolgreichem Gegenpressing kurze Wege zum Tor hatte.

In den letzten Jahren hat sich der Fußball vor allem taktisch weiterentwickelt. Immer mehr Mannschaften spielen heute situativ mit dieser Taktik. Was einfach und logisch klingt, erfordert in der Umsetzung auf dem Platz höchste Präzision in den Laufwegen. Wenn eine Mannschaft im sofortigen Pressing versucht, das Leder zu erobern, dürfen keine Lücken entstehen, durch die sich das gegnerische Team befreien kann. Gelingt das nämlich, ist die Gefahr, ausgekontert zu werden, für hochstehende Gegenpressing-Mannschaften besonders groß. Und nicht nur das. Andere Trainer und Spielbeobachter interessieren sich stets besonders dafür, was die erfolgreichen Mannschaften machen und wie man sie bezwingen kann. Als Barcelona unschlagbar schien, überrollten die Münchner Bayern sie in der Champions League mit einer unerwarteten Form des Pressings in der gegnerischen Hälfte, die Barcelona selbst die Möglichkeit nahm, Gegenpressing zu spielen. Dortmund schlitterte nach mehreren erfolgreichen Jahren in eine tiefe Krise, unter anderem, weil die Gegner nicht mehr tief am eigenen Strafraum warten und dort in die Gegenpressing-Falle springen, sondern stattdessen schon im Mittelfeld aggressiv attackieren, Bälle früher erobern und die Gefahr des Gegentores durch gegnerisches Gegenpressing damit eindämmen. Das Klopp´sche Gegenpressing funktionierte nicht mehr so verlässlich wie in den Jahren zuvor und es zeigte sich die Schwäche der Borussen im Ballbesitzspiel. Es fehlte ein spielmachender Ersatz für den Spielmacher Gegenpressing.

Die Taktik im Fußball befindet sich immer im Wandel, das Pressing in all seinen Formen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Auch, wenn es als alleiniger Spielmacher nicht zu reichen scheint, ist die Erfolgschance dieser taktischen Maßnahme nicht zu leugnen.

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